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Selbstportrait der Dirigentin
Spuren legen – Gedanken zu Beginn meiner Zusammenarbeit mit dem contrapunkt
"Gehe nicht, wohin dich der Weg führen mag, sondern dorthin, wo kein Weg ist, und hinterlasse eine Spur" – dieser Satz des französischen Philosophen Jean Paul ist tief in meinen Gedanken verankert; ich begreife mich als Dirigentin und Interpretin, die Neuland beschreitet und ihre künstlerischen Ziele mit Lust zum Experiment verfolgt. Die Begegnung mit dem contrapunkt und die Entscheidung, unseren Weg gemeinsam fortzusetzen, macht mich glücklich und gibt Inspiration und Klangvorstellungen einen Sinn – was nicht heißen soll, dass uns Neugierde und freudiges Voranschreiten vergessen ließe, was uns bis ins Jetzt gebracht hat. Ich möchte weiterführen, was dem Chor und mir am Herzen liegt, und mit großem Spaß den Weg meistern, der uns zusammengeführt hat.

Hinter meinen Gefährten liegen fast dreißig Jahre Erfahrung und wunderbare Chorarbeit, die als sichere Basis und in Qualität, Menschlichkeit und Repertoirekenntnis immer präsent sein wird. Offenheit und Kontinuität – was könnte ein Klangkörper, der stimmlich auf so hohem Niveau steht, besseres mitbringen? Ich freue mich sehr, mit einem solchen Ensemble Neues ausprobieren und Bewährtes weiterführen zu können. Es scheint uns die Idee einer "anderen" Kunst zu verbinden – und dass alles Unbekannte spannend, begreifbar und veränderbar ist, dass ein einfaches Lied aus einem anderen Land ein Kribbeln im Bauch auslöst, wenn es anfängt zu klingen – diese Begeisterung können wir teilen und begeben uns nun mit großen Schritten auf diese neue Reise.
Ich bin in München mit französischen Chansons, zwei heute lauthals singenden und komponierenden Brüdern, viel Klaviergeklimper und später mit einer erstklassigen russischen Ausbildung aufgewachsen, zu der Klavierunterricht, später dann Theorie, Gehörbildung und Komposition gehörten. Ich lebte einen abwechslungsreichen Konzert- und Wettbewerbsalltag, der vor sechs Jahren durch starke Überlastung meiner rechten Hand ein plötzliches Ende nahm. Dieser schmerzhafte Wendepunkt hat mich zur Chorleitung geführt – das Schönste, was ich für diesen hohen Preis zurückgewinnen konnte. Ich hatte immer assistiert, korrepetiert und in vielen Chören und Vokalensembles gesungen; 2006 schrieb ich im Rahmen meines Musik-Leistungskurses einen Chorzyklus nach Gedichten von Hermann Hesse, führte und nahm einen Ausschnitt daraus auf – mein erster Schritt als Leiterin eines Ensembles, das sich a cappella-Musik auf hohem Niveau widmete. Ein Jahr später gründete ich den jungen Chor chantier vocal, der sich mit großer Begeisterung auf die Musik anderer Länder stürzte und eine Plattform für die Aufführung von Werken junger Komponisten wurde; in dieser Zeit entstand auch das Vokaloctett ensemble phanton. Ich arbeitete in der Redaktion eines Klassik- und Jazzmagazins und im Kinder- und Jugendprogramm der Bayerischen Staatsoper und übernahm zwei Kinderchöre; Management, Umgang mit Sponsoren und konzeptionelle Arbeit machten diese Zeit äußerst lehrreich.
Mit einer langjährigen Konzerterfahrung, einer fundierten musikalischen Ausbildung und meiner Kenntnis des Repertoires – das ich (nichts lieber als das!) Tag für Tag erweitere – kam ich 2008 nach Basel, begann mein Studium an der Musik-Akademie und bin heute singend und leitend in den verschiedenen Ensembles der Hochschule aktiv; ich arbeite mit Erwachsenenchören und nehme nun auch mein Klavierstudium – als Schwerpunkt neben dem Chorleitungsstudium – wieder auf.
Die Entscheidung, mein Leben und Wirken in den Dienst der Musik und der Kunst zu stellen, scheint – nach dieser Betrachtung – ein logischer Schritt gewesen zu sein. Er war es nicht – zu groß war und ist mein Interesse an dem, was in der Welt passiert, und mein Bestreben, Dinge zu verändern. Vor dem Beginn meines Studiums im Jahr 2008 stellte sich mir unweigerlich die Frage: "Kann man denn mit Musik wirklich etwas besser machen? Kann ich mit der Kunst und dem Handwerk, auf das ich mich verstehe, tatsächlich etwas bewirken? Oder ist jede kleine Handbewegung, mit der ein Dirigent seinen Chor oder sein Orchester bannt, inmitten aller Leichtigkeit doch ein völlig unnützes Kraftaufwenden, das im Angesicht des Elends und der Not, gegen die man etwas tun müsste, nichts anderes ist als ein hilfloses, weltfremdes Hochheben und Preisen von Kultur – einer Kunst, die dem Lösen der wirklichen Probleme in nichts näher kommt?" –
Wenn wir es schaffen, die Menschen um uns herum zu berühren, ihnen nahe zu sein, etwas zu bewegen, sie zum Nachdenken zu bringen, ihnen etwas – und uns selbst – zu schenken – dann ist sehr viel erreicht. Aus diesem Grund gilt mein Engagement einer interdisziplinären und interkulturellen Arbeit, die Welt und Kunst mit offenen und kritischen Augen und Ohren begegnet, Menschen verbindet und Zeichen setzt.
Ich habe den Anspruch an mich selbst, jedem einzelnen Chorsänger und somit dann auch jedem Zuhörer die Möglichkeit zu geben, sich von seiner Stimme, von der Musik tragen zu lassen – und dabei zu vergessen, zu lachen, zu hören, zu staunen. Jeder Ton, jede Phrase soll Spaß machen – bei hoher Qualität. Aber: Niveau und Freude – das sollte doch kein Widerspruch sein!
Ausblick auf die nächste Zeit
Mit dem ersten großen Projekt unter dem Werktitel "Licht + Schatten" wagen wir uns an ein a cappella-Konzert, das die Polarität zwischen Tag und Nacht, Leben und Tod, Licht und Dunkel festhalten und ausloten will: Stücke, die "aufwachen", sterben, strahlen, erlöschen. Zu diesem Klang wird der Architekt und Licht-Künstler Fabio Fabbrini eine Art "Licht-Welt" aus einfachen Mitteln und Licht-Installationen aufbauen. Das Konzept, das in seiner Entwicklung dem musikalischen Weg folgt, der sich nach und nach vor uns auftut, soll in Einfachheit und Klarheit den musikalischen Bogen stützen, mit dem Klang interagieren und Publikum und Sänger einfangen.
Es wird die beiden außergewöhnlichen Kirchenräume der riesigen Antoniuskirche Basel (24. Oktober 2010) und der Katholischen Kirche Liestal (23. Oktober 2010) durch gezielte Effekte so einbinden, dass Raum und Klang zu einer Atmosphäre werden, in der der Chor mit Kerzen, Spiegeln, Taschenlampen und mit zeitgenössischen, romantischen, spätbarocken und frühklassischen Werken zwischen Tag und Nacht und Tag wandern kann – in dem Bewusstsein, dass es Schatten nicht ohne Licht gibt und Leben nicht ohne Tod.
Ich freue mich besonders auf das große "Mate Saule" des lettischen Komponisten Peteris Vasks (1975), auf die Trauermotette für das zerstörte Dresden "Wie liegt die Stadt so wüst" von Rudolf Mauersberger (1945) und auf das "Epitaph for Moonlight" des kanadischen Komponisten R. Murray Schafer (1969 zur Mondlandung geschrieben); Werke von Johannes Brahms, Max Reger und Josef Gabriel Rheinberger entführen uns in die romantisch verklärte Nacht des 19. Jahrhunderts, und mit Stücken von Knut Nystedt (Schweden), Jaakko Mäntyjärvi (Finnland) und Eric Whitacre (USA) zollen wir den Komponisten unserer Zeit ihren verdienten Tribut. Eine Brücke zu den Alten Meistern schlagen wir mit Chorälen und Zitaten von Johann Sebastian Bach, Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart, und besonders am Herzen liegt mir und uns die Entdeckung und Weitergabe "einfacher" Volkslieder – aus den Baltischen Ländern, aus Island und aus der Schweiz.
So vielfältig bunt das Programm klingen mag, so sind es auch seine Klangfarben – mein Ziel ist es, eben diese einzufangen, alle Qualitäten den Chores sichtbar und hörbar zu machen und uns und allen Zuhörern bereichernde und berührende Momente mitzugeben.
Für die Projekte der Zukunft überschlagen sich die Ideen – sie sind geprägt vom Ziel einer Zusammenführung verschiedener Kunstformen, von der Auseinandersetzung mit Gesangsformen und Klängen aus der "Ferne", der Zusammenarbeit mit außergewöhnlichen Solisten und Instrumentalisten und einem kritischen und offenen Interesse an dem, was uns umgibt – und von Repertoirepflege, Klangentwicklung und großem Spaß bei aller musikalischen Aktion.
Wir begeben uns an der Wegkreuzung, die uns zusammengeführt hat, auf neue Abzweigungen und mit vielen vielen Ideen in unentdeckte Richtungen, Vertiefungen und zu einer gemeinsamen menschlichen und künstlerischen Entwicklung – wir treffen auf dieser Reise sicherlich auch auf neue Stimmen, auf erwartungsvolle Ohren, auf unbekannte Gesichter. Ich freue mich auf alles, was kommt – und auf die Klangspuren, die wir hinterlassen.
Abélia Nordmann
Mai 2010
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