Pressespiegel


Politische Kunst ist wieder da (Badische Zeitung 2013)

Der Contrapunkt Chor mit engagiertem Programm und einer Uraufführung von Hans Martin Linde. Von David Wohnlich
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Basel. Eigentlich hatten wir sie bereits abgeschrieben, die politisch engagierte Kunst. Nur Realpolitik könne die Gesellschaft verändern. Aber tut sie das wirklich? Solange Kunst Bewusstsein schaffen und erweitern kann, wird sie auch etwas bewirken. Das dadurch Verhinderte lässt sich nicht nennen.
Das wissen alle Sängerinnen und Sänger des Contrapunkt Chors, das wusste ihr Gründer und langjähriger Leiter Georg Hausammann, das weiss die heutige Leiterin Abélia Nordmann. Sie alle engagieren sich musikalisch für eine bessere Welt. Nach dem Konzert vom Wochenende in der katholischen Kirche Muttenz, betitelt "Strahlung ist leichter als Licht", wissen alle, die da waren, dass es möglich ist, den Lauf der Welt mit Kunst zumindest zu beeinflussen.

Im ersten Teil erklang "Now" von Christophe Schiess. Der Komponist leitet sein meditatives, mit unzähligen Bezügen ausgestattetes Stück aus einer Fantasie von Henry Purcell ab und führt allmählich in ein "verlorenes Paradies", eben das "Now", das Jetzt, ein. Das geht nicht ohne Schmerzen ab. Im weitesten Sinne geht es um Atomtechnologie; das eigentliche Thema ist aber die überheblichkeit des Menschen gegenüber der Schöpfung. Diskret und dennoch eindringlich gefasst, fliesst die Musik, ­unterbrochen von den nötigen Irritationen, etwa dem schnarrenden "Misston" eines Naturhorns, das mit ­einem Fagott-Mundstück geblasen wird.

Auf intensive Wirkung bedacht

Der Contrapunkt Chor hat einen Kompositionsauftrag erteilt: Hans Martin­ Linde schrieb für den Chor und für das kleine Orchester die Chorkantate "Strahlung ist leichter als Licht". Das Werk erklang als Uraufführung. Linde hat verschiedene Texte aufgenommen, auch eigene beigesteuert, und in ein derart spannendes, bewegendes Werk gewoben, dass man sich fragt, wie in einer zurückgenommenen Musiksprache eine so intensive Wirkung möglich wird. Anders als in der oft aufgeregten zeitgenössischen Musik passiert fast nichts, Linde lässt die Texte für sich sprechen, entpuppt sich aber als Klangmagier, der unter die beängstigenden Texte (die wichtigsten zu zitieren hiesse, die wichtigsten auszulassen) eine wunderschön klare, rhetorisch eindeutige Musik legt. Fachlich gesprochen könnte man einen postromantischen Expressionismus hineinwürgen, aber das würde dem Stück nicht gerecht.

Das muss man dann alles auch noch ausführen können. Der Contrapunkt Chor kann es. Abélia Nordmann führt mit leichter Hand, bezaubert mit ihrem Charisma Chor, Solisten, Orchester und Publikum, leitet präzise und schön, hat alles stets bei sich - die Inhalte, die Musik, die Menschen. Der Chor singt dementsprechend in rundem, vollem Klang, intonationssicher, expressiv, ohne je affektiert zu wirken.

Das Publikum dankte, nicht ganz üblich bei einem Konzert mit fast ausschliesslich zeitgenössischer Musik, mit nicht enden wollendem Applaus und mit "Bravo"-Rufen. Politisch motivierte Kunst sei "out"? Dieses Konzert hat alle eines Besseren belehrt.


Klingende Strahlung (TagesWoche 2013)
Der Contrapunkt Chor leistet mit neuer Musik einen Beitrag zur Atomsemiotik. Von Jenny Berg
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"Strahlung ist leichter als Licht" heisst das neueste Werk des Basler Komponisten Hans-Martin Linde. Es ist eine Kantate für Sopran, Bariton, Chor und Orchester, die auf dem gleichnamigen Gedicht von Ulf Stolterfoht fusst. Die Idee, sich musikalisch der industriellen Bändigung der Atomenergie zu nähern, ist nicht neu: Bereits 1975 veröffentlichte die deutsche Band "Kraftwerk" ein ganzes Album zur Radioaktivität. "Geigerzähler", "Ätherwellen", "Uran" heissen einzelne Titel; auch "Die Stimme der Energie". Doch wie kann etwas klingen, das man weder sehen noch fühlen noch schmecken kann? Wie kann man einer Energie eine Stimme geben, von der man im Alltag so stark profitiert, deren Gefahren aber schwer zu kontrollieren sind und über deren Lang­zeitfolgen Unwissen herrscht?

Um sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, vergab der Basler Contrapunkt Chor 2010 einen Kompositionsauftrag zum Thema Atomenergie. "Wir gingen damals davon aus, dass es in der Schweiz bald eine Volksabstimmung über den Bau neuer Atomkraftwerke geben würde", sagt Chormitglied Georg Geiger. Doch bald überschlugen sich die Ereignisse: Die atomare Katastrophe von Fukushima 2011 könnte den Anfang vom Ende der Atomenergie eingeläutet haben.

Doch selbst das Ende der Atomenergie wäre nicht das Ende der Strahlung, denn der gelagerte Atommüll ist mitunter erst nach 100'000 Jahren nicht mehr gefährlich. "Wir sind überfordert", sagt Geiger hinsichtlich dieser Dimensionen. Und hält gerade deshalb am musikalischen Atomprojekt fest. Denn in manchen Bereichen der Atomfrage kann eine künstlerische Auseinandersetzung besonders gewinnbringend sein.

Gekennzeichneter Atommüll

"Atomsemiotik" heisst das Fachgebiet, in dem sich Forscher seit Jahrzehnten mit der Frage beschäftigen, wie man Atommüll so kennzeichnen kann, dass die damit verbundenen Gefahren für die nachfolgenden Menschen erkennbar bleiben. Ein schwieriges Unterfangen – denn Zeichen bleiben nur verständlich, wenn sie gebraucht werden: Die gerade einmal 5000 Jahre alten Pyramiden wurden trotz aufwendiger Warnzeichen von Schatzgräbern ausgeplündert.

Damit Atommüll-Endlager dereinst nicht mit Schatzkammern verwechselt werden, gibt es allerhand Ideen, die Gefahren mit Tafeln, Skulpturen oder akustischen Signalen kenntlich zu machen. Andere plädieren für Priester, die das Wissen über Radioaktivität und Atommüll bewahren. Nicht eingeweihte Menschen sollen mithilfe von Legenden von atomaren Lagerstätten ferngehalten werden. Könnte Lindes Kantate Teil eines solchen Kultes sein?

Um deutlich zu machen, wie persönlich und wie zeitgebunden auch musikalische Zeichen sind, ergänzen Christophe Schiess’ Komposition "Now" sowie Begräbnismusik des Renaissancekomponisten Henry Purcell das Konzertprogramm. Ein Abend mit Musik über das Unfassbare.

Konzerte:
Katholische Kirche Muttenz, 21., 22. (20 Uhr) und 23.6. (19 Uhr).
www.contrapunkt.ch.


Ein Chor und seine Meisterin (Badische Zeitung 2012)
Konzert der Chorgemeinschaft Contrapunkt unter der Leitung von Abélia Nordmann in Basel.
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Ein anspruchsvoller Chor mit einem anspruchsvollen Konzert: Contrapunkt
Foto: Gabriele Reinhardt

Ein Chorkonzert muss nicht mit der Aufstellung von siebzig Sängern in Reih und Glied beginnen, schon gar nicht wenn die Chorgemeinschaft Contrapunkt in Basel ihr Weihnachtskonzert "geheimnisumwoben" vorbringt. Da kommen die Chorklänge aus der abgedunkelten Leonhardskirche, erst verhalten, von der Empore herab, dann sich langsam steigernd und die Sängerinnen und Sänger strömen aus dem Publikum heraus und finden sich unter den Klängen des Bachchorals "Wie soll ich dich empfangen" zusammen. Die klangvollen Harmonien füllen den voll besetzten Kirchenraum aus. Schnell wird klar: Ein so großer Chor braucht Raum. So verändern die Sänger und Sängerinnen während der Darbietungen die Plätze, bewegen sich zu neuen Gruppen zusammen. Der Chor strahlt durch seine aufgelockerte Choreographie Bewegliches aus.

Diese Unkonventionalität gehört traditionell zu dem beliebten Laienchor, der 1981 von Georg Hausammann gegründet wurde. Seine Chorführung zog in den 80-ern zahlreiche nach Alternativen zum konventionellen Chorverein suchende ambitionierte Sänger an und führte über die Jahre zu Aufführungen von innovativen und gegenwartsbezogenen Chorwerken in der Region Basel.

Als der langjährige Chorleiter nach nahezu dreißig Jahren die Führung des Kontrapunktes abgab, stellte sich die Frage der Nachfolge. Schließlich fand der rührige Chor mit seinen erfahrenen und altgedienten Chormitgliedern den Weg zu einer jungen Musikerin: Abélia Nordmann, geborene Münchnerin, studiert an der Hochschule für Musik in Basel Chorleitung und wird im März nächsten Jahres abschließen. Studienbegleitend führt die begabte Musikerin neben dem Contrapunkt weitere zwei Chöre in der Region.

Schon nach den ersten Konzerten nach der Übernahme des Chores im März 2010 wurde klar, der Chor hatte seine neue Meisterin gefunden. Hochmusikalisch, jung und dynamisch, dabei gleichzeitig die Erfahrung ihrer "Gefährten", wie sie die Chormitglieder selbst nennt, einbeziehend führte sie die Chorgemeinschaft nicht nur weiter, sondern gab ihr musikalisch eine neue Qualität.

Dies wurde am Wochenende bei ihrem ambitionierten Weihnachtskonzert in der Leonhardskirche deutlich. Anspruchsvolle, zum Teil doppelchörige Werke von Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn- Bartholdy, Albert Becker und Frank Martin wurden gesungen. So wurde ein Bogen geschlagen von der Barockzeit über die Romantik bis hin zu neuzeitlichen Werken. Abwechslungsreich auch die Stimmzusammensetzung von zweistimmigen Sopran- und Altsätzen bei Mendelssohns "Jauchzet Gott alle Lande" oder der volle Chor bei den das Programm wie ein roter Faden durchziehenden volltönenden Chorälen aus Bachs Weihnachtsoratorium.

Ein Glanzpunkt des Abends war sicher die "Messe pour double cheur à capella" des Schweizer Komponisten Frank Martin aus dem Jahre 1926, in der der Chor 16-stimmig ein beeindruckendes neuzeitlich gesetztes vokales Klangbild verwirklicht. Die gewaltigeren, volltönenden Barockwerke Schützs oder Bachs werden im Programmverlauf immer wieder durch feine, leichtere Liedsätze, wie "Oh laufet ihr Hirten" oder "Ihr klare Seraphim", einem Weihnachtslied aus dem Kanton Uri aufgelockert. Die Schlusslieder , das "Nachtlied op. 138" von Max Reger oder das "Abendlied op 69 von J.G. Rheinberger zeigen noch einmal die ganze Klangharmonie und Differenziertheit mit der der Chor diese Chorwerke seelisch durchdrungen und musikalisch überzeugend gestaltet.

Nicht nur die Klänge faszinieren an diesem Abend sondern auch die ungewöhnliche Chorleitung Abélia Nordmanns, die mit überaus zarten, nahezu feenhaften Dirigiergesten einen so großen Chor, so scheint es fest in der Hand hat, und mit feinen Fingerzeigen gestandene Chormitglieder zu Exaktheit und musikalischer Präsenz anregt. Ein anspruchsvolles Konzert, auch für einen erfahrenen Laienchor, das insgesamt in hervorragender Weise gemeistert wurde und das Publikum in seinen Bann zog.

– Vom letzen Konzert mit Abélia Nordmann in der Aktienmühle "Djelem, djelem", mit Weisen aus Osteuropa und Spanien ist eine CD entstanden, die über den Zytglogge Verlag Bern zu beziehen ist.

Nächstes Konzert der Chorgemeinschaft Contrapunkt: "strahlung ist leichter als licht" Chor und Orchester, Werke von Linde, Purcell Schiess am Fr/ Sa/So 21./22./23. Juni 2013, Kath. Kirche Muttenz

 

 

 

 

 

odem / melos / am zyt schiint d’sunne

2005-2009 / trilogie für chor contrapunkt basel/muttenz

Badische Zeitung 

 

3 musiktheatralische Inszenierungen realisierte Christian Zehnder zusamman mit dem Chorleiter Georg Hausamann

christian zehnder conception, director
georg hausamann conductor

 

"...Der Stimmen-Künstler und „Artist in residence“ beim Festival, Christian Zehnder, tritt zwar nicht selbst auf der Bühne in Erscheinung, aber diese Produktion im Themenschwerpunkt „Transalpin“ trägt deutlich seine Handschrift. Er hat diesen Chor-Ausflug zwischen Jodeln, Alphorn und modernem Businessalltag inszeniert und erweitert dabei nicht nur den Schweiz-Horizont, sondern auch die Grenzen des Chorsingens. Da muss man dem Muttenzer Chor Contrapunkt unter der Leitung von Georg Hausammann ein Kompliment machen, denn die Sänger, darunter auch einige aus dem Raum Lörrach, bewegen sich stimmlich und singdarstellerisch souverän und mit sichtlichem Spaß auf dieser Stimmen-Wanderung durchs Alpenländische. 

Das hat immer ein ironisches Augenzwinkern, wenn der Chor so inbrünstig die Volkslieder wie „Luegit, vo Bärg und Tal“, die mystischen Naturlieder, den bäuerlichen Alpsegen, aber auch Tanz-, Hochzeits- und Festlieder singt, oder in aller Pracht die Schwyzer Jödeli zelebriert. Vom Jodeln wechseln die Sänger auch mal unvermittelt in Obertongesang – was eine meditative Stimmung und schwebende Harmonie über den Chorklang legt. Die urigen alpenländischen Gesänge, teils auf Französisch, in Berndütsch, Ostschweizer, Glarner oder Appenzeller Dialekt gesungen, tönen so inszeniert auch vom Vokalen her faszinierend. Denn der Chor bricht immer wieder das strenge Gesangsmuster auf, fällt mal ins scharfe Skandieren, ins Flüstern und Raunen, ins rhythmische Stampfen und Schnippen, in eine Art schnellen, wilden Sprechgesang wie in dem Lied „We Wasser Wy wär“, oder eben in das Obertonsingen.

Ein toller Effekt ergibt sich auch, wenn sich plötzlich die Türen im Saal öffnen und neun Alphornbläser aus Basel anfangen zu spielen – eine wunderbare Raumklangwirkung der Naturklänge. Auch die Solisten aus dem Chor, neben Chorleiter Hausammann sind das Elisabeth Braun und Dorothee Seebass, ragen stimmlich heraus – wie die Gipfel der Berge eben. Am Schluss langer Beifall und ein ausdrücklicher Dank von Vokalartist Zehnder, im Nachbarland „mal die Schweizer Seele darzustellen..."