Pressespiegel
© Basellandschaftliche Zeitung / 08.07.2008
Alles gewonnen, nichts geklärt
Stimmen 08 Zum Auftakt des Programmschwerpunkts «transalpin» zeigten «Stimmhorn»-Sänger Christian Zehnder und der Basler «contrapunktChor» das Stück «Am Zyt schynt d’Sunne».
Urs Grether
Christian Zehnder, Sänger und Akkordeonist des weltbekannten Basler Duos «Stimmhorn», ist während des laufenden «Stimmen»-Festivals Artist in Residence. Als Erstes zeigte er eine Arbeit mit dem Basler «contrapunktChor». Mit der Uraufführung von «Am Zyt schynt d’Sunne › ein anzüglicher Chorausflug ins Schweizer Landesinnere» startete auch der diesjährige Programmschwerpunkt «transalpin». Zehnder trat nicht mit auf, zeichnete aber als Dramaturg und Regisseur.
Dieses «Landesinnere» im Titel des Stücks ist › wie stets schon bei den «Stimmhorn»-Programmen › nicht rein geographisch gefasst. Befindlichkeiten, (Selbst-)Mystifikationen, sonstwie Überkommenes brechen auf. Spielerisch entsteht ein paralleler Raum, wo Nicht- oder Noch-nicht-Gesehenes, -Gehörtes (Utopisches) nistet.
Langsam und einzeln tröpfeln sie herein, die Sängerinnen und Sänger des contrapunktChors (Leitung: Georg Hausammann). Sie setzen sich auf Stühle vor der grossen, noch leeren Leinwand (was wohl «projiziert» werden mag?), zeigen dem Publikum den Rücken. Sie kommen in «Geschäftskleidung», die Männer in Anzügen und Schlips. Steif. Banker?
Sind sie Angestellte der Schweiz AG? Sie lassen sich von zwei Referentinnen die neusten Zahlen-Werte und Kurven der Berggipfel vorführen, die flugs projiziert und nicht wieder weggeblendet werden. Dieses Bild bleibt «eingefroren». Bald wird die zweite Referentin vom Chorgesang übertönt, die Sache kommt in Gang.
Hastig abgekantete Bewegungen, wenn sich die Stuhlreihen urplötzlich zum Burghof-Publikum drehen, für ein paar Phrasen. Schweizer Volkslieder erklingen in den vier Landessprachen; nicht alle Lieder sind gleich bekannt. Nun liesse sich der «Stallgeruch» der Kleidung als Anspielung auf die Jodlertracht nehmen, vielleicht sogar auf die für «E»-kulturelle Anlässe sowieso geforderte «würdige Abendkleidung».
Zehnder lässt die Fassade langsam bröckeln, aber so problemlos und «logisch» ist das nicht zu haben. Zwar lösen sich nach dem ersten Imponier-Gehabe mit Bravour-Ständchen beseelte Soli (textlose Jützli oder ein Alpsegen, der die Stadt Basel samt Chemie mit einschliesst), Quartette, Quintette aus dem Ensemble. Es gibt Rückschläge: In zackig abgerissenen Marschkolonnen (Frauen) triumphiert erneut die Gewalt des erzwungenen Kollektivs. Und ist nicht jeder Chor auch ein zusammen gezwungenes «Ensemble»? En passant gelingen Regisseur Zehnder Bilder, in denen der Chor sich als «Medium» reflektiert. Oder sich «ausspricht» mit rasant skandierten Volten.
Dann öffnen sich die Türen des Konzertsaals. Von draussen (also aus dem «Ausland»?) gibt eine Alphorngruppe schroffe, «ferne» Linien. Die «Band» verschwindet, der Chor singt zuletzt seine Fassung des Guggisberg-lieds: meisterhaft punkto Dynamik, Tempi und Auffächerung der Stimmen. Man endet an dem Mühlenrad, das Decrescendo (Licht: Peter Tscherter) ist wunderbar. In diesem finalen «Ausblick» ist erst recht alles gewonnen und nichts geklärt.
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