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Pressespiegel
Blick in die Schweizer Seele
Nachricht vom 08.07.2008
Am Zyt schynt d'Sunne: Chorausflug ins Schweizer Landesinnere beim Stimmenfestival
Von Jürgen Scharf Lörrach.
Schweiz-Revuen sind zurzeit ja richtig in Mode. Beim Basler Theater lief in der gerade beendeten Saison eine solche eidgenössische Selbstreflexion mit dem Titel Wer hats erfunden? mit schweizerischen Urmythen vom Rütli-Schwur bis zum Swissair-Grounding süß wie Schoggi und herzhaft wie Käsefondue. Auch beim diesjährigen Stimmenfestival kommt die Folklore-Schweiz ganz groß raus. Transalpin heißt die Schwerpunktreihe, die in die Schweizer Bergwelt führt und nach neuen Modellen für Volks- und zeitgenössischer Populärmusik sucht. Ein Crossover zwischen Älplerischem, Archaischem, Experimentellem, Romantischem, eine musikalische Recherche zwischen Ländler, Jodler, Alphorn, Bergliedern.
Eine Rückkehr des Volkslieds aus dem Land von Zwingli und Sprüngli? Immerhin hat beim ersten Chorausflug ins Schweizer Landesinnere mit dem contrapunktChor aus Muttenz das Schweizer Heimatlied im Burghof einen rechten Besucherboom ausgelöst. Man hörte schweizerische Heimatklänge. Dies ist nicht zufällig der Filmtitel mit Christian Zehnder und Erika Stucky (zu sehen im Stimmen-Kino vom 18. bis 20. Juli). Auch bei dieser Stimmen-Produktion, einem inszenierten Chorkonzert mit dem Titel Am Zyt schynt dSunne, benannt nach einem Volkslied, springt Christian Zehnder auf diesen Zug auf. Zwar singt er selber nicht mit, doch er hat Regie geführt und für die Dramaturgie gesorgt. Er hinterfragt liebevoll den Schweizer Mythos bei seiner Erkundung der Alpenklänge und bricht die erstarrte Volksmusik auf.
Das Ganze fängt an wie bei einem Informationsseminar. Die Sänger sitzen mit dem Rücken zum Publikum, in Businesskleidung, schauen auf die Projektionswand, wo zwei Konferenzleiter die Höhe der Alpenberge herunterbeten und auf der Projektionsleinwand die Umrisse der Alpen erscheinen wie Grafiken von Börsenkursen. Die Geschäftsleute kümmern sich dann nicht um die Finanzkrisen, sondern um Schlaf, Chindeli, schlaf und singen Schwyzer Jödeli. Zehnder bringt das rein, für das man ihn kennt Obertongesang, der plötzlich aus dem Jodeln entsteht, Sprechstimme, Flüstern, Skandieren. Dann stampfen, schnippen, klatschen die Herrschaften, und plötzlich fallen sie alle ein in Jupheidi und jupheida.
Der Chor unter Leitung von Georg Hausammann, der auch als Solist auftritt, singt die alten volkstümlichen Schweizer Melodien in ausgelassener Fröhlichkeit. Ein Höhepunkt ist der Alpsegen zum Weideabtrieb mit einem Senner und einer wunderbaren alpenländischen Geräuschkulisse mit Kuhglocken, Muh, Mäh, Miau, Gebelle und Gackern als Echo eine herrliche Klangcollage und Imitation tierischer Stimmen, vom Chor hinter der Szene gestaltet, auch ein bisschen mit augenzwinkernder Ironie. Da hat man sich doch das Klischee und den Alpenkitsch zu Herzen genommen!
Ein anderer Höhepunkt ist das plötzliche Auftreten der neun Alphornbläser, die durch die geöffneten Türen des Saals blasen eine interessante Raum- und Echowirkung. In der Schweiz wollte bisher noch niemand diese musikalische Alpen-Saga, sie ist also ein Unikat. Kein Wunder, dass Christian Zehnder dem Stimmenfestival dafür dankt, dass man hier im Nachbarland einen Blick in die Schweizer Seele werfen konnte.
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