Pressespiegel

 

Spirales: Verzweifeln, Mut fassen, gemeinsam singen (Muttenzer Anzeiger vom 21.06.24)

 

Mit «Spirales» singt der Contrapunkt Chor Chorwerke und Ermunterungslieder für Stimmen, Schlagwerk und Klavier.

 

Von David Renner

 

Vergangenes Wochenende verwandelte der Contrapunkt Chor das moderne Gebäude der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) mit seinem Konzertprogramm «Spirales » in eine mitreissende Musikinstallation. Der Anfang war von Stille geprägt – oder von dem, was ein solch grosser Raum an Stille übrig lässt, wenn sich über 60 Sängerinnen und Sänger in der grossen Halle verteilen und sich das Publikum hier und da regt und räuspert. Die Laute gingen in der Weite ihren Weg, wurden an den Wänden, Decken und Treppen zurückgeworfen und verloren sich allmählich, ohne dass sie ganz verstummten.

Zart setzten die Sängerinnen und Sänger mit ihrem Gesang ein, während sie sich auf den hinaufstrebenden Treppenfluchten und an den Balustraden im ersten und zweiten Stockwerk verteilten. Es waren sanfte, fast sphärische Klänge, die bei der ersten Gesangsimprovisation «Helix I» in den Harmonien aufstiegen und wieder abfielen und dabei fragil spannungsgeladene Harmonien schufen. Den Übergang zum zweiten Stück des Abends «Spirales I (FOXP2)», einer Improvisation für Klavier und Stimmen, markierte der Einstieg des Pianos, das den Gesang mit den tröpfelnd-klarem Spiel kontrastierte. Diese fliessenden Übergänge zogen sich durch das gesamte Programm. Die Stücke, Lieder und Improvisationen gingen ineinander über, ergänzten sich und schufen ein grosses Ganzes, das mehr Kunstinstallation als ein klassisches Konzertprogramm war.

 

Die Kulisse macht den Klang

 

Mit «Spirales» zeigt der Contrapunkt Chor unter der Leitung der Ausnahmedirigentin Abélia Nordmann, welche Möglichkeiten in Chormusik stecken. Dabei war der Bau der FHNW integraler Bestandteil des Konzerterlebnisses. So wie die unteren Stockwerke und Treppengänge von den Chormusikerinnen und -musikern besetzt und begangen wurden, war auch das Publikum dazu eingeladen, sich während des Konzerts frei in der grossen Halle der FHNW zu bewegen. Je nach Standort kamen Passagen aus der Ferne oder Nähe, schienen aus dem Nichts zu klingen und das Zusammenspiel wurde von gebrochenen Echos ergänzt. Felicitas Jungi hat bei der Raumkonzeption grosse Arbeit geleistet.

Neben dem Klavier, auf dem Grégory Nordmann Stücke von Rachmaninow, Debussy und Scriabin einflocht oder dem Chorgesang in den Improvisationen eine andere Stimme entgegensetzte, ergänzte das Schlagwerkspiel des Unorthodox Jukebox Orchestra (Ludovica Bizzarri, Michael Anklin, João Carlos Pacheco) die Musik um eine weitere Facette. Klänge und Rhythmen, das Klavier und die Stimmen folgten dem Motto «Spirales». Die Stücke hatten etwas Aufstrebendes in sich und schichten sich auf, blühten auf und vergingen wieder. Für Dirigentin Nordmann bieten gerade die Chorstücke ohne Text einen anderen Zugang zur Musik: «Unser Gehirn hält sich gerne an Worten fest. Fallen diese weg, öffnen wir uns für den Klang.»

 

Erdrückende Rhythmen

 

Den Mittelpunkt des Konzerts bildete das Chorstück «The Great Learnings §2» von Cornelius Cardew. Der Paragraf ist Teil eines siebenstündigen Chorwerks, das nach seiner Uraufführung in den 1970er- Jahren erst diesen Mai in Basel wieder als Ganzes aufgeführt wurde. Dabei war das Publikum eingeladen, aus der Beobachterrolle herauszutreten und mitzusingen. Fünf Schlagzeuger (Unorthodox Jukebox Orchestra, Bernie Krauser, Thomas Wilde) spielten während zwanzig Minuten 26 verschiedene und vorgegebene Rhythmen, während der Chor, auf einzelne Gruppen verteilt, mutig, vielstimmig und mehr und mehr vergeblich gegen dieses unaufhörliche Tosen ansang. Es war ein einnehmendes, fast hypnotisierendes Klangstück, das auf- und abwog und sich je nach Standort verwandelt.

Dem Programmheft vorangestellt war eine Widmung an Ivan D., mit dem Sängerinnen und Sänger aus dem Contrapunkt Chor 2017 zusammengearbeitet haben, und der seit letztem Jahr im Krieg gegen Russland kämpfen muss. Er schreibt von der Front, eine existenzielle Gefahr ist für ihn «zu vergessen, wer ich bin, wer ich vor dem Krieg war und wer ich irgendwann in der Zukunft wieder sein kann». So wurden die Chorwerke von Liedern von Bertolt Brecht und Kurt Weil, Rudolf Mauersberger, Konstantin Wecker oder Wolf Biermann ergänzt, die dem Programm einen politisch-gesellschaftlichen Unterton gaben. «Wir bewegen uns als politisch denkende Menschen immer zwischen den beiden Polen: verzweifeln einerseits, Mut fassen und (zusammen) weitermachen andererseits», drückt es Nordmann aus.

Mit «Spirales» einen weiten und gelungenen Bogen gespannt, der Klangwerke, Lieder und Chorstücke mit existenziellen Fragen verbindet und ein aussergewöhnliches Konzerterlebnis bot.

 

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Beim Konzert des Contrapunkt Chors wurde das Gebäude der  FHNW zu einer integralen Klangkulisse und wurde vom Publikum wie von den Sängerinnen und Sängern begangen. (Bild: David Renner)

 

 

Der schrägste Chor der Region wird vierzig (bz vom 29.08.2022)


Vor 40 Jahren wurde in Muttenz der Contrapunkt-Chor gegründet. Das wegen Corona abgesagte Jubiläumskonzert wird nun nachgeholt.


Reinmar Wagner

Am 2. September 2020 ist Mikis Theodorakis im Alter von 96 Jahren gestorben. Bestimmt wurde im Radio sein «Sirtaki» gespielt, das mit Abstand berühmteste seiner Werke – mit ironischer Geschichte. Theodorakis, profilierter griechischer Komponist und Volksheld, sollte die Filmmusik schreiben zu «Zorba the Greek». Anthony Quinn war zwar ausgezeichnet in der Lage, den raubeinigen Freiheitshelden zu mimen, mit den komplizierten Rhythmen der kretischen Volkstänze brachte er seine Beine aber nicht in Einklang. So erfand Theodorakis kurzerhand den auch für Quinns Fähigkeiten tanzbaren «Sirtaki» – und schenkte damit den Griechen einen Volkstanz.

Theodorakis wurde mehrfach ins griechische Parlament gewählt, in den Jahren der Militärdiktatur (1967–1974) ging er erneut in den Widerstand, wurde inhaftiert und gefoltert. Nach den Skandalen der Regierung Papandreou half er mit, das Land zu einen, und wurde 1990 auch Minister in der Regierung von Mitsotakis. Dennoch hat er Zeit und Musse gefunden, ein kompositorisches Werk von weit über 1000 Titeln zu hinterlassen. Eine Vielzahl davon sind Lieder, besonders hervorgetan hat sich Theodorakis aber auch mit Orchestermusik.

Befreiung vom ­Kolonialismus

Die politische Gesinnung des glühenden Kommunisten und stets für Frieden und Ausgleich eintretenden Idealisten ist fast in jeder Note zu spüren, die er komponiert hat. Ganz besonders gilt dies für sein gross angelegtes Oratorium «Canto General», für das er auf Texte des geistesverwandten Dichters Pablo Neruda zurückgriff. Der chilenische Autor spricht darin in über 15000 Versen über die Menschen, die Natur und die Geschichte Lateinamerikas, vor allem aber über den Kolonialismus, die Befreiung davon und die Ideale einer gerechten Welt. Bis heute ist diese Hymne des chilenischen Nobelpreisträgers überaus populär, für viele Menschen Lateinamerikas steht der «Canto» gleich neben der Bibel.

Uraufführung 1981 in ­Ost-Berlin

Theodorakis nahm diese Bilder auf in eine oft hymnische, auf Dreiklangs-Harmonik basierende Musiksprache, fast immer koloriert durch die Rhythmen der griechischen Volksmusik. Ab 1972 vertonte er in mehreren Phasen Ausschnitte aus diesem monumentalen Zyklus. In Chile hatte inzwischen Pinochet Allende gestürzt, und die geplante Aufführung in Santiago wurde unmöglich. Dafür geriet nach dem Ende der griechischen Militärdiktatur eine Aufführung in Athen zum Triumph. Die vollständige Fassung wurde 1981 in Ost-Berlin uraufgeführt.

Noch im gleichen Jahr sorgte ein in Muttenz neu formierter Chor für die Schweizer Erstaufführung. Kein Zufall: Der Contrapunkt-Leiter Georg Hausammann stellte das Motto von Ernst Bloch «Ein Mensch ohne Utopie ist ein verkrüppelter Mensch» über seine Arbeit mit dem Chor und nannte als Antrieb neben der Freude am Singen, an der Gemeinschaft und dem Erkunden des Neuen auch die «Beteiligung am Netzwerk einer menschenfreundlichen und solidarischen Welt». Seit 2010 singen die rund 70 Sängerinnen und Sänger aus der Region unter der Leitung von Abélia Nordmann. Das politische Engagement ist erhalten geblieben, die Lust auf spezielle Projekte abseits der viel begangenen Pfade von Amateur-Chören ebenso.

Performance für Chor und Stricknadeln

Manche Projekttitel sprechen für sich: «Chortrommel» mit Fritz Hauser beim Lucerne Festival 2018, «Windeseile», eine Performance für Chor und Stricknadeln. Daneben ist Platz für Volkslieder aus Graubünden oder Georgien, man zeigt sich an ungewöhnlichen Konzertorten, singt bei Auftritten in totaler Dunkelheit oder um fünf Uhr morgens. Die Ideale des «Canto» haben nichts von ihrer Aktualität verloren, und auch musikalisch hat der kraftvolle Gesang kein bisschen Staub angesetzt. Die erneute Auseinandersetzung damit nach 41 Jahren wird vom Chor, der durch Singende des «Ensemble Liberté» verstärkt wird, auch als politische Stellungnahme verstanden.

Gleichwohl blickt man beim Contrapunkt-Chor nicht nur zurück, sondern stellt der Aufführung des idealistischen Werks die Musik von zwei jungen Komponistinnen gegenüber. Violeta Cruz aus Kolumbien widmet ihr Chorwerk «La Patria dividida» den Opfern der Proteste in ihrem Heimatland vom April vergangenen Jahres, Tatiana Catanzaro aus Brasilien besingt den «Sonnenstrahl von Barnimstrasse».

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Eine motivierte Truppe: Die Lust auf ungewöhnliche Projekte ist beim Contrapunkt-Chor seit jeher gross. (Bild: zvg)

 

 

Der Widerhall der Geschichte (ObZ vom 07.09.2022)


Die Chorgemeinschaft Contrapunkt führte Teile des «Canto Generals» auf.


Von: Alexander Jegge

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Chor und Ensemble mit dem Bariton Valerie Zanolli. Foto: A. Jegge

Der chilenische Dichter Pablo Neruda schrieb während Jahren an seinem Gedichtzyklus «Canto General». Er wollte die ganze Geschichte Südamerikas in Hymnen erzählen und ehren. Der griechische Musiker Mikis Theodorakis machte sich zur Aufgabe, Teile dieses Textes in ein Oratorium zu giessen. Dabei kam ein schwergewichtiges Werk heraus, das der Gründer der Chorgemeinschaft Contrapunkt, Georg Hausammann, mit seinem jungen Chor 1981 aufführte. Der Canto wurde zum musikalischen Markenzeichen politisch progressiver Menschen, in der ganzen Welt. Man las Neruda, hörte Theodorakis und Maria Farantouri. Es war so etwas wie künstlerisch musikalische Heimat.

Zu seinem 40-Jahr-Jubiläum schenkte sich der Chor nun nochmals etwas Canto. Die Dirigentin Abélia Nordmann wählte vier Teile aus, welche Charakter und Geist der Musik gut beschreiben. Zusammen mit dem Ensemble liberté und deren Co-Leiterin Maija Gschwind ordneten die beiden Musikerinnen das Werk in seine Zeit ein und stellten ihm gleichzeitig zwei Auftragswerke gegenüber, ein Werk der Brasilianerin Tatiana Catanzaro (Sonnenstrahl von Barnimstrasse), und eines der Kolumbianerin Violeta Cruz (La patria dividia). Beide setzten sich mit Neruda auf ihre Weise auseinander. So ertönte neben dem teilweise gewaltigen Gesang des Canto (mit der Mezzosopranistin Aura Gutiérrez und dem Bariton Valerio Zanolli) die filigrane und etwas ruhigere Musik der Gegenwartskomponistinnen. Sie nahmen den Canto aus seiner geschichtlichen Gebundenheit heraus und gaben der älteren Musik eine neue Wertigkeit.

Dazu trug auch die Chorgemeinschaft bei, die aus dem Canto kein affektiertes Gedröhne mit politischem Grundkern machte, sondern filigran gesungene Chormusik, die ihre Verbundenheit mit dem einfachen Volk nie bestritt. Das Engagement und die Ernsthaftigkeit der Sängerinnen und Sänger war nicht nur beim Canto spürbar, sondern auch bei den sehr schwierigen Neukompositionen.

Noch immer bleibt Theodorakis' Musik die musikalische Heimat vieler, was man sowohl beim Publikum als auch bei den Sängerinnen und Sängern spürte. Viele sind mit der Musik älter geworden, haben sie aber immer noch verinnerlicht. Die jungen Interpretinnen und Interpreten haben bewiesen, dass diese Art von Musik weiterentwickelt wird und weiterlebt. Das Konzert bleibt so in eindrücklicher Erinnerung.

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Die Chorgemeinschaft Contrapunkt mit dem Ensemble liberté. Foto: A. Jegge

 

 

Medienspiegel zur «Chortrommel»


Über unser Konzert, das am Lucerne Festival den Auftakt des Formats Moderne bildete, berichteten die «Basler Zeitung», die «Luzerner Zeitung» und SRF 2. Besonderen Anklang fand bei allen das Anfangsbild mit dem Chorknäuel.


Moritz Weber in «Kultur kompakt» auf SRF 2 | 20. August 2018
Inszeniertes Konzert von Fritz Hauser beim Lucerne Festival

(Radiostimme) «Da gibt es Passagen, da sind nur zwei Stimmen zu hören, dann auch mal nur geräuschhafte Partien von Schlaginstrumenten, ganz atonale Stücke auch und dann wieder harmonisch gesetzte. […] Es fügt sich zu einem Ganzen. Die Übergänge zwischen den Stücken sind sehr schön gestaltet – musikalisch und auch szenisch. Sängerinnen und Sänger der Basler Madrigalisten und des Laienchors Contrapunkt treten von allen Seiten auf und auch wieder ab und folgen einer dezenten Choreographie. Dazu kommt noch die stimmige Lichtregie von Brigitte Dubach. Also alles ist in einem Fluss. Eines ergibt sich wie aus dem andern. Und diese unterschiedlichsten Musiken ziehen so ganz sanft an einem vorbei.»

Urs Mattenberger in der «Luzerner Zeitung» | 19. August 2018
Schluss mit dem Alltag: Lucerne Festival startete am ersten Wochenende durch

«Vielversprechend waren das Licht und die szenische Einrichtung im Luzerner Saal, in denen Werke von sieben Schweizer Komponisten mit starken theatralen Aktionen umgesetzt wurden. Das begann mit einem Menschenknäuel und gipfelte am Schluss in einer gespenstischen Raummusik, wenn zu den Basler Madrigalisten auf der Bühne der contapunctus chor unter den Zuschauerrängen wie aus einer Katakombe hervortönte. Auch wenn solche Möglichkeiten zu wenig genutzt wurden und die 75 Minuten allzu lang und beliebig dahinplätscherten, machte das Lust auf die weiteren Raummusiken, die dieses Festival (auch von Hauser selber) bietet.

Simon Bordier in der «Basler Zeitung» | 20. August 2018
Auch Zucker bringt es nicht

«Es ist bemerkenswert, wie sicher und natürlich die Sängerinnen und Sänger [des etwa 60-köpfigen Laienensembles] im Luzerner Saal des KKL performten. Ihr Auftritt in dem Chorsatz «Nunc habemus endiviam» des Basler Komponisten Christian Henking gerät gleich zu einem Höhepunkt: Mit Messer und Gabel werden hier die gesungenen Laute regelrecht zerlegt und in einem hinreissenden Glissando verschmolzen. Auch stark: Wie die Madrigalisten in Lucas Nigglis «Flood» das Schlagzeugtrio in die Zange nehmen und mit traditionellen afrikanischen Gesängen einlullen. Oder wie sich die Madrigalisten in Katharina Rosenbergers «Meeresgesängen» singend auf und ab bewegen und darüber selber seekrank zu werden scheinen.»

Andreas Müller-Crépon in «Kontext» auf SRF 2 | 5. September 2018
Lucerne Festival: «Seid kindischer!»

(Radiostimme) «[Die Chortrommel, das sind] sieben Uraufführungen von kurzen Stücken, zeitgenössische Schweizer Komponistinnen und Komponisten, in den Raum gestellt von einem Laienchor, contrapunkt aus Muttenz, und den Basler Madrigalisten, wiedermal ein grossartiges Vokal-Ensemble, die gehören einfach zur Vokal-Elite sozusagen, und dazu das Schlagzeug-Trio Klick, also Fritz Hauser, Lucas Niggli und Pec Zumthor, die sich wirklich eigentlich blind verstehen. Die verschiedenen Zugänge in diesen Kompositionen, verschiedene Zugänge zu Material Stimme und Perkussion, die wurden dann zusammengebunden durch Zwischenspiele, die Fritz Hauser konzipiert hat, und das wurde Musik im Raum für den Raum. Und das erste Stück war schon sehr eindrücklich – ein vielversprechender Anfang: Der Chor stellte sich in konzentrischen Ringen auf mit dem Rücken zueinander. Das gab so – die Innersten standen auf einem Stuhl oben – das gab so eine Art Burg und jeder hielt Löffel oder Messer und Gabel in der Hand und sie kratzten, sie schraffierten quasi einen Klang in den Raum – als Grund für ihre Stimme. Das war schon sehr ein eindrückliches und klingendes Bild.»


NuncHabemusFischli


Transkription der Radiostimmen und Einleitung: Kathrin Urscheler




Medienspiegel zu «Strahlung ist leichter als Licht»


Politische Kunst ist wieder da (Badische Zeitung 2013): Der Contrapunkt Chor mit engagiertem Programm und einer Uraufführung von Hans Martin Linde. Von David Wohnlich


Eigentlich hatten wir sie bereits abgeschrieben, die politisch engagierte Kunst. Nur Realpolitik könne die Gesellschaft verändern. Aber tut sie das wirklich? Solange Kunst Bewusstsein schaffen und erweitern kann, wird sie auch etwas bewirken. Das dadurch Verhinderte lässt sich nicht nennen.

Das wissen alle Sängerinnen und Sänger des Contrapunkt Chors, das wusste ihr Gründer und langjähriger Leiter Georg Hausammann, das weiss die heutige Leiterin Abélia Nordmann. Sie alle engagieren sich musikalisch für eine bessere Welt. Nach dem Konzert vom Wochenende in der katholischen Kirche Muttenz, betitelt "Strahlung ist leichter als Licht", wissen alle, die da waren, dass es möglich ist, den Lauf der Welt mit Kunst zumindest zu beeinflussen.

Im ersten Teil erklang "Now" von Christophe Schiess. Der Komponist leitet sein meditatives, mit unzähligen Bezügen ausgestattetes Stück aus einer Fantasie von Henry Purcell ab und führt allmählich in ein "verlorenes Paradies", eben das "Now", das Jetzt, ein. Das geht nicht ohne Schmerzen ab. Im weitesten Sinne geht es um Atomtechnologie; das eigentliche Thema ist aber die überheblichkeit des Menschen gegenüber der Schöpfung. Diskret und dennoch eindringlich gefasst, fliesst die Musik, ­unterbrochen von den nötigen Irritationen, etwa dem schnarrenden "Misston" eines Naturhorns, das mit ­einem Fagott-Mundstück geblasen wird.

Auf intensive Wirkung bedacht

Der Contrapunkt Chor hat einen Kompositionsauftrag erteilt: Hans Martin­ Linde schrieb für den Chor und für das kleine Orchester die Chorkantate "Strahlung ist leichter als Licht". Das Werk erklang als Uraufführung. Linde hat verschiedene Texte aufgenommen, auch eigene beigesteuert, und in ein derart spannendes, bewegendes Werk gewoben, dass man sich fragt, wie in einer zurückgenommenen Musiksprache eine so intensive Wirkung möglich wird. Anders als in der oft aufgeregten zeitgenössischen Musik passiert fast nichts, Linde lässt die Texte für sich sprechen, entpuppt sich aber als Klangmagier, der unter die beängstigenden Texte (die wichtigsten zu zitieren hiesse, die wichtigsten auszulassen) eine wunderschön klare, rhetorisch eindeutige Musik legt. Fachlich gesprochen könnte man einen postromantischen Expressionismus hineinwürgen, aber das würde dem Stück nicht gerecht.

Das muss man dann alles auch noch ausführen können. Der Contrapunkt Chor kann es. Abélia Nordmann führt mit leichter Hand, bezaubert mit ihrem Charisma Chor, Solisten, Orchester und Publikum, leitet präzise und schön, hat alles stets bei sich - die Inhalte, die Musik, die Menschen. Der Chor singt dementsprechend in rundem, vollem Klang, intonationssicher, expressiv, ohne je affektiert zu wirken.

Das Publikum dankte, nicht ganz üblich bei einem Konzert mit fast ausschliesslich zeitgenössischer Musik, mit nicht enden wollendem Applaus und mit "Bravo"-Rufen. Politisch motivierte Kunst sei "out"? Dieses Konzert hat alle eines Besseren belehrt.


Klingende Strahlung (TagesWoche 2013)
Der Contrapunkt Chor leistet mit neuer Musik einen Beitrag zur Atomsemiotik. Von Jenny Berg

"Strahlung ist leichter als Licht" heisst das neueste Werk des Basler Komponisten Hans-Martin Linde. Es ist eine Kantate für Sopran, Bariton, Chor und Orchester, die auf dem gleichnamigen Gedicht von Ulf Stolterfoht fusst. Die Idee, sich musikalisch der industriellen Bändigung der Atomenergie zu nähern, ist nicht neu: Bereits 1975 veröffentlichte die deutsche Band "Kraftwerk" ein ganzes Album zur Radioaktivität. "Geigerzähler", "Ätherwellen", "Uran" heissen einzelne Titel; auch "Die Stimme der Energie". Doch wie kann etwas klingen, das man weder sehen noch fühlen noch schmecken kann? Wie kann man einer Energie eine Stimme geben, von der man im Alltag so stark profitiert, deren Gefahren aber schwer zu kontrollieren sind und über deren Lang­zeitfolgen Unwissen herrscht?

Um sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, vergab der Basler Contrapunkt Chor 2010 einen Kompositionsauftrag zum Thema Atomenergie. "Wir gingen damals davon aus, dass es in der Schweiz bald eine Volksabstimmung über den Bau neuer Atomkraftwerke geben würde", sagt Chormitglied Georg Geiger. Doch bald überschlugen sich die Ereignisse: Die atomare Katastrophe von Fukushima 2011 könnte den Anfang vom Ende der Atomenergie eingeläutet haben.

Doch selbst das Ende der Atomenergie wäre nicht das Ende der Strahlung, denn der gelagerte Atommüll ist mitunter erst nach 100'000 Jahren nicht mehr gefährlich. "Wir sind überfordert", sagt Geiger hinsichtlich dieser Dimensionen. Und hält gerade deshalb am musikalischen Atomprojekt fest. Denn in manchen Bereichen der Atomfrage kann eine künstlerische Auseinandersetzung besonders gewinnbringend sein.

Gekennzeichneter Atommüll

"Atomsemiotik" heisst das Fachgebiet, in dem sich Forscher seit Jahrzehnten mit der Frage beschäftigen, wie man Atommüll so kennzeichnen kann, dass die damit verbundenen Gefahren für die nachfolgenden Menschen erkennbar bleiben. Ein schwieriges Unterfangen – denn Zeichen bleiben nur verständlich, wenn sie gebraucht werden: Die gerade einmal 5000 Jahre alten Pyramiden wurden trotz aufwendiger Warnzeichen von Schatzgräbern ausgeplündert.

Damit Atommüll-Endlager dereinst nicht mit Schatzkammern verwechselt werden, gibt es allerhand Ideen, die Gefahren mit Tafeln, Skulpturen oder akustischen Signalen kenntlich zu machen. Andere plädieren für Priester, die das Wissen über Radioaktivität und Atommüll bewahren. Nicht eingeweihte Menschen sollen mithilfe von Legenden von atomaren Lagerstätten ferngehalten werden. Könnte Lindes Kantate Teil eines solchen Kultes sein?

Um deutlich zu machen, wie persönlich und wie zeitgebunden auch musikalische Zeichen sind, ergänzen Christophe Schiess’ Komposition "Now" sowie Begräbnismusik des Renaissancekomponisten Henry Purcell das Konzertprogramm. Ein Abend mit Musik über das Unfassbare.




Ein Chor und seine Meisterin (Badische Zeitung 2012)


Konzert der Chorgemeinschaft Contrapunkt unter der Leitung von Abélia Nordmann in Basel.


Ein Chorkonzert muss nicht mit der Aufstellung von siebzig Sängern in Reih und Glied beginnen, schon gar nicht wenn die Chorgemeinschaft Contrapunkt in Basel ihr Weihnachtskonzert "geheimnisumwoben" vorbringt. Da kommen die Chorklänge aus der abgedunkelten Leonhardskirche, erst verhalten, von der Empore herab, dann sich langsam steigernd und die Sängerinnen und Sänger strömen aus dem Publikum heraus und finden sich unter den Klängen des Bachchorals "Wie soll ich dich empfangen" zusammen. Die klangvollen Harmonien füllen den voll besetzten Kirchenraum aus. Schnell wird klar: Ein so großer Chor braucht Raum. So verändern die Sänger und Sängerinnen während der Darbietungen die Plätze, bewegen sich zu neuen Gruppen zusammen. Der Chor strahlt durch seine aufgelockerte Choreographie Bewegliches aus.

Diese Unkonventionalität gehört traditionell zu dem beliebten Laienchor, der 1981 von Georg Hausammann gegründet wurde. Seine Chorführung zog in den 80-ern zahlreiche nach Alternativen zum konventionellen Chorverein suchende ambitionierte Sänger an und führte über die Jahre zu Aufführungen von innovativen und gegenwartsbezogenen Chorwerken in der Region Basel.

Als der langjährige Chorleiter nach nahezu dreißig Jahren die Führung des Kontrapunktes abgab, stellte sich die Frage der Nachfolge. Schließlich fand der rührige Chor mit seinen erfahrenen und altgedienten Chormitgliedern den Weg zu einer jungen Musikerin: Abélia Nordmann, geborene Münchnerin, studiert an der Hochschule für Musik in Basel Chorleitung und wird im März nächsten Jahres abschließen. Studienbegleitend führt die begabte Musikerin neben dem Contrapunkt weitere zwei Chöre in der Region.

Schon nach den ersten Konzerten nach der Übernahme des Chores im März 2010 wurde klar, der Chor hatte seine neue Meisterin gefunden. Hochmusikalisch, jung und dynamisch, dabei gleichzeitig die Erfahrung ihrer "Gefährten", wie sie die Chormitglieder selbst nennt, einbeziehend führte sie die Chorgemeinschaft nicht nur weiter, sondern gab ihr musikalisch eine neue Qualität.

Dies wurde am Wochenende bei ihrem ambitionierten Weihnachtskonzert in der Leonhardskirche deutlich. Anspruchsvolle, zum Teil doppelchörige Werke von Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn- Bartholdy, Albert Becker und Frank Martin wurden gesungen. So wurde ein Bogen geschlagen von der Barockzeit über die Romantik bis hin zu neuzeitlichen Werken. Abwechslungsreich auch die Stimmzusammensetzung von zweistimmigen Sopran- und Altsätzen bei Mendelssohns "Jauchzet Gott alle Lande" oder der volle Chor bei den das Programm wie ein roter Faden durchziehenden volltönenden Chorälen aus Bachs Weihnachtsoratorium.

Ein Glanzpunkt des Abends war sicher die "Messe pour double cheur à capella" des Schweizer Komponisten Frank Martin aus dem Jahre 1926, in der der Chor 16-stimmig ein beeindruckendes neuzeitlich gesetztes vokales Klangbild verwirklicht. Die gewaltigeren, volltönenden Barockwerke Schützs oder Bachs werden im Programmverlauf immer wieder durch feine, leichtere Liedsätze, wie "Oh laufet ihr Hirten" oder "Ihr klare Seraphim", einem Weihnachtslied aus dem Kanton Uri aufgelockert. Die Schlusslieder , das "Nachtlied op. 138" von Max Reger oder das "Abendlied op 69 von J.G. Rheinberger zeigen noch einmal die ganze Klangharmonie und Differenziertheit mit der der Chor diese Chorwerke seelisch durchdrungen und musikalisch überzeugend gestaltet.

Nicht nur die Klänge faszinieren an diesem Abend sondern auch die ungewöhnliche Chorleitung Abélia Nordmanns, die mit überaus zarten, nahezu feenhaften Dirigiergesten einen so großen Chor, so scheint es fest in der Hand hat, und mit feinen Fingerzeigen gestandene Chormitglieder zu Exaktheit und musikalischer Präsenz anregt. Ein anspruchsvolles Konzert, auch für einen erfahrenen Laienchor, das insgesamt in hervorragender Weise gemeistert wurde und das Publikum in seinen Bann zog.

– Vom letzen Konzert mit Abélia Nordmann in der Aktienmühle "Djelem, djelem", mit Weisen aus Osteuropa und Spanien ist eine CD entstanden, die über den Zytglogge Verlag Bern zu beziehen ist.




odem / melos / am zyt schiint d’sunne


2005-2009 / trilogie für chor contrapunkt basel/muttenz (Badische Zeitung)


3 musiktheatralische Inszenierungen realisierte Christian Zehnder zusamman mit dem Chorleiter Georg Hausamann

christian zehnder conception, director
georg hausamann conductor

"...Der Stimmen-Künstler und „Artist in residence“ beim Festival, Christian Zehnder, tritt zwar nicht selbst auf der Bühne in Erscheinung, aber diese Produktion im Themenschwerpunkt „Transalpin“ trägt deutlich seine Handschrift. Er hat diesen Chor-Ausflug zwischen Jodeln, Alphorn und modernem Businessalltag inszeniert und erweitert dabei nicht nur den Schweiz-Horizont, sondern auch die Grenzen des Chorsingens. Da muss man dem Muttenzer Chor Contrapunkt unter der Leitung von Georg Hausammann ein Kompliment machen, denn die Sänger, darunter auch einige aus dem Raum Lörrach, bewegen sich stimmlich und singdarstellerisch souverän und mit sichtlichem Spaß auf dieser Stimmen-Wanderung durchs Alpenländische. 

Das hat immer ein ironisches Augenzwinkern, wenn der Chor so inbrünstig die Volkslieder wie „Luegit, vo Bärg und Tal“, die mystischen Naturlieder, den bäuerlichen Alpsegen, aber auch Tanz-, Hochzeits- und Festlieder singt, oder in aller Pracht die Schwyzer Jödeli zelebriert. Vom Jodeln wechseln die Sänger auch mal unvermittelt in Obertongesang – was eine meditative Stimmung und schwebende Harmonie über den Chorklang legt. Die urigen alpenländischen Gesänge, teils auf Französisch, in Berndütsch, Ostschweizer, Glarner oder Appenzeller Dialekt gesungen, tönen so inszeniert auch vom Vokalen her faszinierend. Denn der Chor bricht immer wieder das strenge Gesangsmuster auf, fällt mal ins scharfe Skandieren, ins Flüstern und Raunen, ins rhythmische Stampfen und Schnippen, in eine Art schnellen, wilden Sprechgesang wie in dem Lied „We Wasser Wy wär“, oder eben in das Obertonsingen.

Ein toller Effekt ergibt sich auch, wenn sich plötzlich die Türen im Saal öffnen und neun Alphornbläser aus Basel anfangen zu spielen – eine wunderbare Raumklangwirkung der Naturklänge. Auch die Solisten aus dem Chor, neben Chorleiter Hausammann sind das Elisabeth Braun und Dorothee Seebass, ragen stimmlich heraus – wie die Gipfel der Berge eben. Am Schluss langer Beifall und ein ausdrücklicher Dank von Vokalartist Zehnder, im Nachbarland „mal die Schweizer Seele darzustellen..."

 
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